Vier von fünf Bäumen sind eine
Die Nordmanntanne
Sie sticht nicht, sie hält lange, und sie kommt aus dem Kaukasus. Was sie so teuer macht, ist keine Marge, sondern Zeit: zwölf bis vierzehn Jahre, bis ein Baum zwei Meter erreicht.
Kurz gesagt
Abies nordmanniana, beschrieben 1838, benannt 1842 nach einem finnischen Biologen. Zu Hause zwischen 900 und 2.100 Metern im Kaukasus.
Ein Baum aus dem Kaukasus
Die Nordmanntanne wächst natürlicherweise im westlichen Kaukasus und im Ostpontischen Gebirge, also in Georgien, Russland, der nordöstlichen Türkei und Aserbaidschan, meist zwischen 900 und 2.100 Metern Höhe. Dort wird sie 40 bis 60 Meter hoch, bekommt Stämme von bis zu zwei Metern Durchmesser und kann 500 Jahre alt werden. Der Baum im Wohnzimmer ist ein Kind.
Christian von Steven beschrieb sie 1838 als Pinus nordmanniana. Den Namen trägt sie seit 1842 nach Alexander von Nordmann (1803 bis 1866), einem finnischen Biologen, der sie 1835 im Kaukasus gefunden hatte. Botanisch ist sie eine echte Tanne, Gattung Abies - kein Nebenzweig der Fichte, auch wenn der Handel die Namen gern vermischt.

Was die amtliche Statistik zeigt
Die Fläche bleibt, der Nachschub nicht
Über den deutschen Weihnachtsbaummarkt kursieren viele Zahlen und wenige Quellen. Zwei Reihen des Statistischen Bundesamts lassen sich abrufen, und nebeneinandergelegt zeigen sie etwas, das einzeln keine von beiden hergibt.
Die Anbaufläche ist seit Jahren stabil. Rund 16.000 Hektar, seit 2013 kaum verändert. Die Zahl der Betriebe geht dagegen stetig zurück - von 3.603 auf 3.020, also um ein Sechstel in dreizehn Jahren. Dieselbe Fläche verteilt sich auf immer weniger Höfe.
| Jahr | Fläche | Betriebe |
|---|---|---|
| 2013 | 15.800 ha | 3.600 |
| 2020 | 15.898 ha | 3.269 |
| 2023 | 16.100 ha | 3.020 |
| 2010 | 14.625 ha | 3.603 |
| 2016 | 16.379 ha | 3.400 |
Der Nachschub sieht anders aus. Die Bäume von morgen wachsen zuerst in Baumschulen heran, und diese Fläche hat sich zwischen 2017 und 2021 mehr als halbiert. Sie hat sich seither nur teilweise erholt und liegt weiter deutlich unter dem alten Stand. Die Zahl der Baumschulen mit dieser Anzucht sank im selben Zeitraum von 203 auf 158.
| Jahr | Anzuchtfläche | Baumschulen |
|---|---|---|
| 2025 | 373,4 ha | 158 |
| 2021 | 312,8 ha | 185 |
| 2017 | 683,9 ha | 203 |
Zur Einordnung noch zwei Zahlen aus einer anderen Quelle: Nach der Landwirtschaftszählung 2021, einer Vollerhebung, wurden auf 20.100 Hektar Weihnachtsbäume angebaut, in 3.350 Betrieben. Im selben Jahr kamen 2,4 Millionen Bäume als Import nach Deutschland, davon 1,9 Millionen und damit fast 80 Prozent aus Dänemark.1
Der weite Weg
Das Saatgut für europäische Nordmanntannen kommt bis heute überwiegend aus wenigen Tälern im westlichen Georgien.
Wo die Samen herkommen
Eine Nordmanntanne aus dem Sauerland ist eine kaukasische Tanne. Das Saatgut für europäische Kulturen stammt zu einem großen Teil aus Westgeorgien, besonders aus dem Raum Ambrolauri in der Region Ratscha. Eine wissenschaftliche Arbeit zu Nordmanntannen-Klonen nennt als Herkunft der untersuchten Samen genau diesen Forstbezirk, mit Beständen bei Agara, östlich von Nikorzminda, in Tskadisi und nordöstlich des Schaori-Stausees. Die Herkunft Ambrolauri gilt in Europa seit Jahrzehnten als bevorzugt, wegen Wuchsform, Verzweigung, spätem Austrieb und Nadelbild.2
Die Zapfen werden im Spätsommer und Herbst von Hand in den Kronen geerntet. Recherchen dokumentieren Kletterhöhen von etwa 30 Metern und mehr, teils über 50 Meter, häufig mit unzureichender Schutzausrüstung, und es sind schwere und tödliche Unfälle dokumentiert.3
Es gibt einen Ansatz, die Lage der Pflücker zu verbessern: Fair Trees, ein dänisch geprägtes Lieferkettenkonzept mit besserer Bezahlung, Schulungen, Ausrüstung, Versicherung und einem Sozialfonds. Zwei Einschränkungen gehören dazu, sonst wäre es Werbung: Fair Trees ist nicht dasselbe wie Fairtrade International und nach den geprüften Quellen nicht von einer vergleichbaren unabhängigen Stelle auditiert. Und ein belastbarer Marktanteil in Deutschland oder Europa ist öffentlich nicht dokumentiert. Wer einen so ausgezeichneten Baum will, muss beim Verkäufer nachfragen.
Warum ein Baum kostet, was er kostet
Zwölf bis vierzehn Jahre
Der Preis einer Nordmanntanne wirkt hoch, solange man sie für ein Gewächs hält, das man im Frühjahr steckt. Der Weg vom Samen zum Verkaufsbaum dauert nach Angaben des Bundesinformationszentrums Landwirtschaft so lange:4
- 2 Jahre im Saatbeet der Baumschule Sämling, danach wird verpflanzt
- 2 Jahre weiter in der Baumschule mit vier Jahren geht er in die Kultur
- 8 bis 10 Jahre in der Weihnachtsbaumkultur bis er rund zwei Meter erreicht
Kleinere Bäume von 1,50 bis 1,75 Metern werden seit einigen Jahren stärker nachgefragt und deshalb teils früher geerntet. An der Rechnung ändert das wenig: Auch dieser Baum stand vor dem Verkauf rund ein Jahrzehnt auf der Fläche, wurde geschnitten, gedüngt, gegen Wildverbiss geschützt und von Hand geformt.
Was er kostet
Eine amtliche Preisstatistik für Weihnachtsbäume gibt es nicht. Was es gibt, sind erwartete Endkundenpreise, die die Erzeugerverbände vor jeder Saison nennen und die die Agrarpresse weitergibt.5 Sie sind Orientierung, keine Preisliste.
| Saison | Nordmanntanne | Blaufichte | Rotfichte |
|---|---|---|---|
| 2022 | 20 bis 27 € | - | - |
| 2023 | 21 bis 29 € | 13 bis 18 € | 10 bis 15 € |
| 2024 | 22 bis 30 € | - | - |
| 2025 | 23 bis 30 € | 15 bis 19 € | 12 bis 16 € |
Die Striche sind keine Nachlässigkeit: Für 2022 und 2024 ließ sich in den öffentlich abrufbaren Quellen keine gleichwertige bundesweite Spanne für Blau- und Rotfichte finden. Und für die Nobilistanne gibt es für keine der vier Saisons einen belastbaren deutschlandweiten Meterpreis. Lieber eine Lücke als eine erfundene Zahl.
Das einzige harte Merkmal
Die Schnittfläche. Hell und feucht ist gut, grau heißt: liegt länger.
Woran man einen frischen Baum erkennt
In jedem Ratgeber stehen fünf oder sechs Frischemerkmale. Belegt ist eines davon richtig, zwei sind brauchbar, und drei halten einer Prüfung nicht stand.
Die Schnittfläche ist das Merkmal. Die Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen nennt eine weiße Schnittstelle als Zeichen eines frisch geschlagenen Baums; bei länger liegenden wird sie grau.6 Der Botaniker Steven Jansen von der Universität Ulm ergänzt, dass eine frische Fläche noch feucht ist, während trockene und verharzte Stammenden die Wasseraufnahme behindern.7
Brauchbar als Ergänzung: Nadeln grün und glänzend, und beim vorsichtigen Rütteln fallen nur wenige grüne Nadeln ab. Beides nennt die staatliche hessische Verbraucherinformation.8
Und ein Haken, auf den keine der Quellen ausdrücklich hinweist, der aber aus ihnen folgt: Eine helle Schnittfläche beweist einen frischen Schnitt, nicht eine frische Fällung. Genau dieses Nachsägen wird vor dem Aufstellen empfohlen - ein Verkäufer kann es ebenso gemacht haben. Wer es genau wissen will, fragt nach dem Fäll- oder Anlieferdatum. Eine Kennzeichnungspflicht dafür gibt es nicht.
Die Ernte beginnt nach Angaben des Bundesverbands der Weihnachtsbaumerzeuger typischerweise um den 15. November und läuft bedarfsabhängig bis kurz vor Weihnachten.9 Eine übliche Lagerdauer zwischen Einschlag und Verkauf lässt sich daraus nicht ableiten; sie hängt an Logistik, Verkaufsweg und Witterung.
Der verbreitetste Irrtum
Die Nordmanntanne hält nicht besser, weil sie eine Tanne ist
Die übliche Erklärung lautet: Tannennadeln sitzen anders am Zweig als Fichtennadeln, deshalb halten Tannen länger. Der erste Teil stimmt, der zweite folgt daraus nicht. Die Nadelstellung ist ein Bestimmungsmerkmal, kein Haltbarkeitsbeweis.
Was tatsächlich gemessen wurde, zeigt in eine andere Richtung. Eine begutachtete Untersuchung verglich Nordmann- und Nobilistanne nach der Ernte im Innenraum: Beide hielten über die ersten 42 Tage hohe Feuchtewerte und zeigten nur minimalen Nadelfall - ohne wesentlichen Unterschied zwischen den Arten, solange sie im Wasser standen.10
Und die Landwirtschaftskammer NRW fand im eigenen Versuch: Frisch geschlagene Nordmanntannen hielten auch ganz ohne Wasser 14 Tage gut durch. Mit regelmäßiger Wassergabe wirkte nach sechs Wochen mehr als die Hälfte wie frisch geerntet.11
Der Vollständigkeit halber
Fast jeder Kunstbaum bildet sie nach
Wer sich für die Nordmanntanne interessiert und sie trotzdem nicht jedes Jahr neu kaufen möchte, findet sie im Kunstbaumregal wieder - denn sie ist dort das Vorbild von fast allem. FairyTrees führt dieselbe Nordmanntanne in vier Machart-Stufen vom reinen PVC bis zum vollständigen Spritzguss, zu vier deutlich verschiedenen Preisen.
Zwei Seiten dazu, beide ohne Werbeversprechen: woran man erkennt, ob ein künstlicher Baum wie echt aussieht - dort steht auch, was die Zweigzahl taugt und was nicht - und die Ökobilanz mit dem Kipppunkt, der bei zehn bis zwanzig Jahren liegt, während Kunstbäume im Schnitt nach sechs Jahren ersetzt werden.
Woher die Zahlen stammen
Quellen
- Statistisches Bundesamt: Fakten zum Fest, Pressemitteilung Nr. N072 vom 20.12.2022
- Wikipedia: Nordmann-Tanne, mit Erstbeschreibung, Verbreitungsgebiet und Saatgutherkunft
- Deutschlandfunk: Lieferkette - der lange Weg des Weihnachtsbaums
- Bundesinformationszentrum Landwirtschaft: Woher kommen unsere Weihnachtsbäume?
- top agrar: Das kostet die Nordmanntanne aktuell
- Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen: So bleiben Weihnachtsbäume länger frisch, 19.12.2024
- Universität Ulm: Oh Tannenbaum - Tipps vom Botaniker
- Verbraucherfenster Hessen: Der große Weihnachtsbaum-Check
- Bundesverband der Weihnachtsbaumerzeuger: Frische im Fokus
- Chastagner und Riley: Postharvest-Verhalten von Nordmann- und Nobilistanne, HortScience 38(3)
- Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen: Wasser hält Weihnachtsbäume frisch, Versuch Münster-Wolbeck 2007
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