Fell, Hörner, Glocken und eine Rute: Am 5. Dezember zieht
im Ostalpenraum der Krampus durch die Orte. Hier steht, wann er kommt, wie
er sich von den Perchten unterscheidet, was beim Lauf gilt und ob man
Kinder mitnimmt.
Kurz gesagt
Der Krampus gehört zum Advent, die Perchten zu den Rauhnächten. So
ordnet es die Wissenschaft - die Vereine sehen es teils anders.
Was der Krampus ist
Der Krampus, regional auch Kramperl, Bartl, Tuifl
oder Klaubauf, ist die Schreckgestalt an der Seite des heiligen
Nikolaus. Verbreitet ist er im Ostalpenraum: Österreich, Altbayern,
Südtirol.1 Die Rollenverteilung ist
so alt wie einfach: Der Bischof lobt und beschenkt, der Krampus droht
und straft.
Am 5. Dezember ziehen die Krampusse in Gruppen durch die Orte,
das ist der Krampuslauf. Am 6. Dezember begleitet der Krampus den
Nikolaus bei den Hausbesuchen.1
Dass der Krampus immer mit dem Nikolaus auftrete, stimmt allerdings
nur für den Einkehrbrauch: Den Krampus ohne Nikolaus gab es
schon um 1900 in Wien.
Die Herkunft, kurz
Der Krampus ist nicht heidnisch
Die Erklärung, die man überall liest - vorchristlicher Winterdämon,
germanische Wurzeln, uralter Brauch -, lässt sich nicht belegen.
Drei Daten reichen, um das zu zeigen:
1582
ältester Beleg des Maskenbrauchs, Dießen am Ammersee
spätes 19. Jh.
erst da taucht das Wort „Krampus" auf
1896
früheste gesicherte Darstellung - eine Postkarte
Keine der geprüften wissenschaftlichen oder musealen Einrichtungen
behauptet einen vorchristlichen Ursprung. Die Österreichische
Nationalbibliothek sagt es am klarsten: „Viele aktive Vereine behaupten,
dass sie einer jahrtausendealten Tradition folgen - nur nachweisen lässt
sich das leider nicht."
Woher die Erzählung dann stammt, ist die eigentliche Geschichte:
Volkskundler haben sie dem Brauch eingepflanzt, und der Mann, der die
Perchtenläufe ab 1938 im Auftrag der SS erforschte, lehrte bis 1973 als
Ordinarius in Wien. Das steht ausführlich auf einer eigenen Seite:
Woher der Krampus kommt - mit dem
Erstbeleg, der Postkartengeschichte und der belegbaren Linie, die nicht
zu einem Winterdämon führt, sondern auf eine Theaterbühne.
Die häufigste Frage
Krampus oder Percht?
Nach Fell, Hörnern und Glocken sind die Figuren kaum zu trennen. Was
trägt, sind drei andere Kriterien: Datum, Gegenfigur und
Konfession.
Historisch sind Advent-Krampus und Rauhnacht-Percht unterschiedliche
Brauchkomplexe, das ist institutionell belegbar.2In der Praxis ist die Grenze seit dem 20. Jahrhundert weitgehend
aufgelöst, und die Wissenschaft sagt das auch so: Welche Definitionen
die Vereine verwenden, habe sich „außerhalb aller Nachvollziehbarkeit
durch die Wissenschaft" entwickelt und gelte ihnen „als
unumstößlich".3 Heute treten
Krampus- und Perchtenläufer zwischen dem 5. und 23. Dezember auf, also
mitten im Advent und gerade nicht in den Rauhnächten.
Die Maskengewichte sind eine Vereinsregel, kein Befund
Überall liest man, eine Krampusmaske wiege 2 bis 4 Kilogramm, eine
Perchtenmaske 15 bis 20, und der Krampus dürfe nur ein Hörnerpaar tragen.
Diese Regel steht in keiner einzigen wissenschaftlichen oder musealen
Quelle. Die institutionellen Angaben lauten anders:
Kopfaufbauten der Gasteiner Tafelperchten: rund 50 kg4
Die kolportierten „15 bis 20 Kilogramm Maske" sind sehr wahrscheinlich
eine Verwechslung von Maske und Gesamtausrüstung. Die Regel
beschreibt nicht, was es gibt, sondern was Vereine zulassen.
Mehr zu den Perchten und ihrem Zeitraum steht bei den
Rauhnächten.
Oft übersehen
Der Krampus ist auch ein bayerischer Brauch
Die meisten Darstellungen zitieren ausschließlich Österreich. Dabei
liegen vier harte Daten in Deutschland:
1582
Dießen am Ammersee - der Erstbeleg des gesamten Brauchkomplexes
1642
Berchtesgaden - eine Handschrift beschreibt die Abläufe5
1740
München - „Klaubaufe" ziehen durch die Stadt
1954/55
Kirchseeon - der Perchtenlauf findet erstmals statt6
Im Berchtesgadener Land sind Buttnmandl, Kramperl und Ganggerl
übrigens drei verschiedene Rollen im selben Zug, keine Synonyme:
Die Buttnmandln stecken in ausgedroschenem Stroh mit umgebundenen
Kuhglocken, die Kramperl tragen schwarze Larven, Ketten und Weidenruten,
die Ganggerl sind leichter gerüstet.5 Wer „Buttnmandl gleich bayerischer Krampus" setzt, verfehlt beide.
Wo der Krampus gerade nicht läuft
Im Allgäu und im alemannischen Raum zieht an derselben
Kalenderstelle nicht der Krampus, sondern das Klausentreiben mit
Klausen und Bärbele. In Franken kommt der
Pelzmärtel am 11. November - und zwar als
Ersatzfigur für den Nikolaus, nicht als dessen Begleiter, nachdem Luther
die Nikolausverehrung aus den Häusern seiner Anhänger
entfernte.7
Die Grenze verläuft also an der bairisch-alemannischen
Dialektgrenze und an der Konfessionsgrenze, nicht an Staatsgrenzen.
Eine Warnung zur heutigen Verbreitungskarte: Im Atlas zur deutschen
Alltagssprache treten für 2021 „die Staatsgrenzen recht deutlich
hervor", während historische Erhebungen „erheblich komplexere
Verhältnisse" zeigten - die Forscher führen das auf Medieneinfluss
zurück.8Die heutige Karte ist nicht die
historische Karte.
Was wirklich gilt
Einen verbindlichen Kodex gibt es nicht
Man liest oft vom „Krampus-Kodex", als wäre er eine Vorschrift. Das
ist er nicht. Die Verhaltensregeln stammen von den Passen selbst und
sind rechtlich unverbindlich - Empfehlungen, wie ein Vereinsobmann
ausdrücklich klarstellt. Typische Selbstverpflichtungen sind: Ruten nur
aus Reisig, Schläge nur unterhalb der Knie, handgeschnitzte Holzmasken
und ein striktes Alkoholverbot vor und während der Auftritte.
Ein behördliches Alkoholverbot für Krampusse ließ sich nicht
belegen. Alle nachweisbaren Alkoholverbote sind Selbstverpflichtungen.
Verbindlich ist dagegen das Veranstaltungsrecht, und das wirkt:
In Hallein sagte ein Verein seinen Lauf 2025 nach zwanzig Jahren ab, weil
die Zuständigkeit ab 2.000 Besuchern an die Bezirkshauptmannschaft fiel
und das Sicherheitskonzept nicht mehr rechtzeitig fertig wurde. Nicht
ein Verbot, sondern gestiegene Anforderungen beendeten einen
etablierten Lauf.
Was ein Gericht entschieden hat
Die zentrale Entscheidung ist OGH vom 17. März 2009,
10 Ob 15/08s.9 Eine Zuschauerin war 2005
von einer am Handgelenk baumelnden Rute am Auge verletzt worden und
klagte auf 8.280 Euro. Der Oberste Gerichtshof wies die Klage ab,
aus zwei Gründen.
Erstens hatte der Bürgermeister dem Verein per Bescheid die
Haftung „für Sach- und sonstige Schäden" auferlegt - wofür es im
Veranstaltungsgesetz keine Grundlage gab. Gemeinden können Haftung also
nicht per Auflage weiterreichen. Zweitens, und das überrascht
viele: Besucher eines Freilaufs sind nicht bloß Zuschauer, sondern
„Mitwirkende an einem Schauspiel zumindest folkloristischer Art".
Sie trifft eine Selbstschutzpflicht gegenüber einer „sich in einem
eingeschränkten Bereich unkontrolliert bewegenden Rute".
Die unangenehme Seite
Wenn es eskaliert
Es gibt gut belegte Einzelfälle. In Matrei in Osttirol wurden
in der Nacht auf den 8. Dezember 2013 70 Verletzte behandelt,
darunter acht Schwerverletzte. In Zams in Tirol zählte die Polizei
nach dem Lauf vom 23. November 2024 67 Anzeigen, acht Verletzte und
fünf Festnahmen.
Der Zams-Fall ist dabei aufschlussreicher, als die Schlagzeilen
waren: Die Vorfälle lagen überwiegend nach dem offiziellen Ende um
19.30 Uhr, und 29 der 67 Anzeigen betrafen jugendlichen
Alkoholkonsum, nicht Rutenschläge im Lauf. Nicht die Brauchhandlung
dominiert die Statistik, sondern der Alkohol im Umfeld.
Dem stehen deutliche Gegenbefunde gegenüber, und sie gehören
dazu.10 Die Tirol Kliniken konnten
keine erhöhten Verletzungszahlen nachweisen - in der Wintersaison gebe es
ohnehin rund 200 Verletzte täglich. Das Innenministerium:
„Zigtausende besuchen diese Veranstaltungen und beim Lauf selbst passiert
wenig." Und die Sozialanthropologin Gertraud Seiser: „Der Vorwurf,
dass das alles brutale Randalierer seien, trifft es wirklich nicht."
Für die verbreitete Behauptung, Krampusläufe würden zunehmend
gewalttätig, gibt es keine Zeitreihe: Eine amtliche Statistik
„Verletzte bei Krampusläufen" existiert nicht.
Die Frage der Eltern
Mit Kindern zum Krampuslauf?
Die Fachkritik kommt aus der medizinischen Psychologie, und sie
richtet sich präziser, als die öffentliche Debatte es wiedergibt:
nicht gegen den Brauch, sondern gegen seinen Einsatz als
Erziehungsmittel. Bestrafung durch den Krampus sei „aus pädagogischer
und psychologischer Sicht als erzieherische Maßnahme vollkommen
abzulehnen", so die Medizinische Universität Graz - unter anderem, weil
ein Kind sich an sein Fehlverhalten nach einem Jahr kaum noch erinnern
kann.11
Besonders problematisiert wird der Krampus ohne Nikolaus, weil
dann die Rahmung fehlt, die den Schrecken wieder auflöst. Das verbindet
die Debatte mit der Brauchgeschichte: Genau diese Ablösung ist
historisch belegt.
Der Kinder- und Jugendpsychiater Karl Heinz Brisch differenziert: Der
Brauch könne ein positives Erlebnis sein, nur unterscheiden
Vorschulkinder reale und magische Welt noch nicht. Seine Regeln sind
praktisch: Krampusse sollten Kinder nicht anfassen und schon gar nicht
den Eltern entreißen - und wenn ein Kind weg will und sich auch auf
dem Arm nicht beruhigt, gehört das respektiert.
Praktisch heißt das: nicht in die erste Reihe, sondern weiter
hinten oder erhöht. Viele Orte bieten einen eigenen
Kinderkrampuslauf an. Und das Wirksamste vorher: zeigen, dass
darunter ein Mensch steckt - wer die Maske einmal abnehmen lässt,
erklärt mehr als jeder Satz.
Zwei Bücher zum Brauch
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Knesebeck
Maskenzauber und Dämonentanz
Ein Fotoband über die Maskenbräuche des Alpenraums: Perchten, Krampus und Wilde Jagd. Der Reiz liegt darin, dass die Masken hier groß und ruhig abgebildet sind, statt im Blitzlicht eines Umzugs zu verschwimmen. Man sieht, wie unterschiedlich die Schnitzarbeiten von Tal zu Tal ausfallen, und versteht dadurch, warum sich Krampus und Percht nicht über eine einzige Beschreibung fassen lassen.
Preis
40,00 € abgerufen am 05.10.2026, 01:01 Uhr, Änderungen vorbehalten
Art
Bildband mit Text
Umfang
264 Seiten
Verlag
Knesebeck, 2025
Autoren
Bernd Römmelt (Fotografie), Dorothea Steinbacher
Wofür hier
die Masken sehen, statt sie beschrieben zu bekommen
Ein Bilderbuch, das genau die Aufgabe übernimmt, die im Abschnitt darüber steht: dem Kind vorher erklären, wer da kommt. Nikolaus und Krampus treten als Paar auf, der eine lobt, der andere droht, und am Ende ist es eine Geschichte statt einer Drohung.
Preis
16,80 € abgerufen am 05.10.2026, 01:01 Uhr, Änderungen vorbehalten
Art
Bilderbuch
Umfang
32 Seiten
Verlag
Breitschopf, 2019
Alter
ab etwa 4 Jahren
Wofür hier
das Gespräch vor dem Lauf, nicht danach
Spricht dafür
Nimmt dem Krampus den Schrecken, ohne ihn wegzulassen