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Der erfundene Ursprung

Woher der Krampus kommt

Fast überall liest man, der Krampus sei ein vorchristlicher Winterdämon. Dafür gibt es keinen einzigen Beleg - aber es gibt eine gut dokumentierte Geschichte, wie diese Erzählung entstanden ist. Diese Seite geht sie durch: vom Erstbeleg 1582 bis zu den Kulturerbe-Verzeichnissen von heute.

Die drei Zahlen

1582 der Maskenlauf.
1500 die Nikolaus-Einkehr.
1890er das Wort „Krampus".

Vor 1582 gibt es keinen einzigen Beleg

Der älteste gesicherte Schriftbeleg für den alpinen Maskenbrauch ist eine Rechnungsnotiz von 1582 aus Dießen am Ammersee in Oberbayern: Teilnehmer bekamen Geld dafür, dass sie „die Percht gejagt" hatten.12 Gefunden hat ihn Hans Schuhladen in den 1980er Jahren, als erster Forscher, der die Archive systematisch durchging. Mehr als die Zahlung ist nicht überliefert: Wie der Brauch aussah, steht nicht dabei.

Entscheidend ist eine Einschränkung, die populäre Darstellungen übergehen. Aus dem 17. und 18. Jahrhundert gibt es zahlreiche Berichte aus Bayern, Tirol und Salzburg - aber das Wort „Krampus" fehlt in ihnen allen. Sie sagen durchweg „Percht".1 Es sind also drei Belegketten, die gern zu einer verschmolzen werden:

Maskenlaufab 1582, Dießen am Ammersee
Nikolaus-Einkehr mit Gabenab 1500
Wort und Figur „Krampus"erst spätes 19. Jahrhundert

Das Aussehen

Hörner und Ketten stammen von der Postkarte

Es gibt keine gesicherte Krampus-Darstellung vor 1896. Das Bildmedium der Figur ist die Postkarte: Das Wort wurde im späten 19. Jahrhundert über ein Wiener Medienphänomen populär und verbreitete sich ab 1897 in Österreich-Ungarn, „Gruß vom Krampus".1

Daraus folgt die vielleicht belastbarste Aussage zur Bildgeschichte: Hörner, Ketten, Rute und rote Zunge in ihrer heute vertrauten Kombination sind ein Produkt der industriellen Bildreproduktion des späten 19. Jahrhunderts, keine mittelalterliche Überlieferung. Wer ein „altes" Krampusbild sucht, findet Industriedruck.

Dazu passt, dass der Krampus um 1900 in Wien auch ohne Nikolaus unterwegs war: Ganze Krampushorden zogen durch die Außenbezirke, und 1925 veranstaltete ein Motorradklub einen nächtlichen Umzug durch die Stadt.3 Die Figur war schon damals populärkulturell selbständig.

Der eigentliche Fund

Die heidnische Herkunft haben Volkskundler erfunden

Begründet wird der vorchristliche Ursprung mit drei Argumenten: der Namensähnlichkeit zur Göttin Perchta, der Lage in den Rauhnächten und den obrigkeitlichen Verboten der frühen Neuzeit. Keines der drei hält stand - und das Bemerkenswerte ist, woher die Erzählung tatsächlich stammt.

Die Forschung formuliert es unmissverständlich: „It was the folklorists who came up with these theories and implanted this origin myth in the collective imagination of the active Krampuses."1 Die Theorie kam also nicht aus dem Brauch, sie wurde ihm von Wissenschaftlern eingepflanzt.

Die Kette lässt sich Person für Person nachzeichnen

Jacob Grimm verband 1835 in der Deutschen Mythologie mittelalterliche Schriften mit Volkssagen, ohne die Verbindung zu prüfen. Daraus entstand die Annahme einer durchgehenden Brauchentwicklung seit vorchristlicher Zeit. Wilhelm Mannhardt deutete die Maskenbräuche 1875 als Vertreibung böser Wintergeister. Um 1900 verklärte der nationalromantische Zeitgeist die Perchten als „germanisch-heidnisch- naturkultisch" und ließ sie uralt erscheinen.4

Dann wurde daraus Staatsauftrag. Otto Höfler habilitierte 1934 über „Kultische Geheimbünde der Germanen". Richard Wolfram wurde am 13. Juli 1938 Leiter der „Lehr- und Forschungsstätte für Germanisch-Deutsche Volkskunde" in Salzburg - einer Abteilung des SS-„Ahnenerbe". Seine Feldforschung galt gezielt den Perchtenläufen: Aufnahmen aus St. Johann im Pongau 1939, aus Gastein 1939 und 1940.5 Ein Ziel der nationalsozialistischen Volkskunde war ausdrücklich, die „christliche Schicht" von den Maskenbräuchen abzutragen.1

Und hier liegt der Grund, warum sich die Erzählung so hartnäckig hält: Wolfram wurde 1945 enthoben, 1954 rehabilitiert und war von 1964 bis zu seiner Emeritierung 1973 Ordinarius in Wien, dazu jahrzehntelang Leiter des Österreichischen Volkskundeatlas.5 Die grundsätzliche Kritik an solchen Kontinuitätsannahmen setzte in der Volkskunde um 1961 ein, die systematische Quellenarbeit am Krampusbrauch erst in den 1980er Jahren. Dazwischen liegen Jahrzehnte, in denen die mythologische Deutung öffentlich unwidersprochen blieb.

Im Nationalsozialismus wurde der Brauch gefördert, nicht verboten

Das ist die Umkehrung, die am meisten überrascht, weil man oft das Gegenteil liest. 1940 brachte eine der größten Wochenzeitschriften des Deutschen Reichs eine Fotoreportage über den Gasteiner Perchtenumzug, und in Salzburg wurde das Perchtenfest 1941 zum letzten Mal mit Masken gefeiert, damals als nationalsozialistisch-neuheidnischer Brauch.4

Auch das Verbots-Argument dreht sich um

Verbote des 17. und 18. Jahrhunderts gibt es reichlich, ausgestellt vor allem von den Salzburger Erzbischöfen. Nur richteten sie sich nicht gegen Heidentum, sondern gegen nächtliche Unordnung: maskierte Jugendliche, die durch die Straßen zogen, tranken, tanzten und rauften - und besonders störend, dass Burschen und Mädchen das gemeinsam taten.1 Ausgerechnet diese Verbote wurden später als Beweis für germanische Wurzeln angeführt.

Dazu kommt ein Befund, der zur Redlichkeit gehört: Bis etwa 1800 gibt es viele Verbote, aber kaum Beschreibungen des verbotenen Brauchs. Man weiß, dass etwas untersagt wurde, kaum, wie es aussah.1

Was stattdessen belegt ist

Der Krampus kommt aus dem Theater

Die belegbare Linie führt nicht zu einem Winterdämon, sondern auf eine Bühne. Direkter Vorläufer der Figur ist der Teufel des jesuitischen Theaters der Gegenreformation.1 Aus diesen Spielen gingen die bayerischen und tiroler Nikolausspiele hervor, die im 19. Jahrhundert häufig in wilde Umzüge ausarteten - und erst nachträglich „Perchtenläufe" genannt wurden.1

Die überlieferten Spieltexte bestätigen eine Figurenwelt des Theaters, nicht eines Kults. Eine Krimmler Textvorlage um 1750 nennt Luzifer als gefallenen Engel, Teufel, Höllgsandter und Klaubauf.

Das hat eine Folge für die beliebte Ordnung „Krampus gleich Advent, Perchten gleich Rauhnächte": Sie ist eine moderne Einteilung, keine historische. Bis ins 20. Jahrhundert traten die Figuren schlicht unter dem Namen Teufel mit dem heiligen Nikolaus auf.6 Wie die Abgrenzung zu den Perchten heute gehandhabt wird, steht auf der Hauptseite.

Eine verbreitete Gegenthese - der Krampus sei aus dem Kinderbischofsbrauch entstanden - vertritt das Wien Museum. In der Krampus-Fachliteratur kommt sie allerdings nicht als Argumentationskette vor, und ein Dokumentnachweis wird nicht genannt. Wir führen sie deshalb als Position einer Museumspublikation, nicht als Forschungsstand.

Jünger als gedacht

Der Massenlauf ist ein Kind der 2000er

Die Entwicklung lief in zwei Stufen, und die Formel „Erfindung der letzten Jahrzehnte" trifft nur auf die zweite zu. Die Vereinsform, die „Pass", entwickelte sich unter diesem Namen erst seit etwa 1900 - getragen von abgewanderten Bauernsöhnen, die in den Städten folkloristische Vereine gründeten.6 Die Großveranstaltung mit Gastgruppen, Eintritt und Bühnenlogik ist dagegen jung: „Seit den 2000er Jahren nehmen die Krampusläufe und Veranstaltungen stark zu", sagt das Salzburger Landesinstitut für Volkskunde und nennt es „Eventisierung".7

In Salzburg wuchs die Zahl der Passen von rund 500 im Jahr 2015 auf geschätzt 800 bis 1.000 im Jahr 2025, bei etwa 270 Läufen im Bundesland.7 In Deutschland ist das Datum besonders greifbar: Der Münchner Krampuslauf hatte 2004 Premiere.

Ein Treiber ist die Ökonomie. Eine handgeschnitzte Maske kostet ab etwa 800 Euro, und wer teure Ausrüstung finanziert, braucht Auftritte. Weil die Zahl der Passen schneller wächst als die Zahl der Läufe, drängen Termine inzwischen in den November - was eigene Kritik auslöst.7

Ein häufiger Irrtum

Kein Krampuslauf ist UNESCO-Kulturerbe

Die Gleichsetzung „Krampuslauf gleich UNESCO-Kulturerbe" ist auf zwei Ebenen falsch. Auf einer UNESCO-Liste steht keiner dieser Bräuche. Und in den nationalen Verzeichnissen - das ist die Vorstufe, nicht die UNESCO-Liste - steht nicht „der Krampuslauf", sondern jeweils eine örtlich gebundene Kleinform:

Öblarner KrampusspielÖsterreich, 2014 - ein Stubenspiel, eingeordnet als darstellende Kunst8
Gasteiner PerchtenÖsterreich, 2011 - ein Umgang alle vier Jahre8
Kirchseeoner PerchtenlaufDeutschland, 2024 - erstmals durchgeführt 1954/559

Der Kirchseeoner Eintrag ist dabei besonders aufschlussreich: Die zuständige bayerische Behörde datiert den Lauf selbst auf den Winter 1954/55, „zur Förderung regionaler Identität" - und in der amtlichen Beschreibung kommt eine Figur namens Krampus gar nicht vor.9

Anerkannt wurde also jeweils die kleine, örtlich verankerte Form - Stubenspiel, vierjähriger Dorfumgang, lokaler Lauf. Gerade nicht die Großveranstaltung, die den Boom treibt.

Worauf sich das stützt

Quellen und was offen bleibt

Recherchestand: 3. Oktober 2026. Diese Seite nennt bewusst auch, was sie nicht weiß:

  • Der Erstbeleg des Wortes „Krampus" im Druck ist nicht ermittelt. Gesichert ist nur, dass eine Wiener Zeitung es 1881 bereits selbstverständlich verwendet.
  • Die Etymologie ist offen; die maßgeblichen Mundartwörterbücher waren nicht einsehbar.
  • Ein Verbot unter dem Austrofaschismus wird oft behauptet. Es stützt sich auf einen Zeitungsbericht von 1934 und keinen auffindbaren Rechtsakt.
  • Wann die Vereine die mythologische Deutung übernahmen, ist nicht datierbar - belegt ist nur, dass sie sie heute vertreten.
  • Ob das Klaubaufgehen in Matrei im Kulturerbe-Verzeichnis steht, ließ sich nicht bestätigen.
  1. The Krampus in Austria. A Case of Booming Identity Politics, EthnoScripts 20 (2018) 1, S. 35-57. Matthäus Rest und Gertraud Seiser, Universität Hamburg, Open Access
  2. Auf Teufel komm raus! Der Krampusbrauch in Österreich. Tobias Minar und Andreas Zimmerer, Österreichische Nationalbibliothek, 4. Dezember 2023
  3. Der Krampus. Susanne Breuss, Wien Museum Magazin, 3. Dezember 2020
  4. Perchten, in: ABC zur Volkskunde Österreichs. Helga Maria Wolf, Austria-Forum
  5. Richard Wolfram und das „Ahnenerbe", in: Völkerkunde zur NS-Zeit aus Wien 1938-1945, Bd. 3, S. 1303-1335. Reinhard Johler, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2021
  6. Bräuche im Salzburger Land, Kapitel 5.3: Krampus- und Perchtenpassen. Ulrike Kammerhofer-Aggermann, Salzburger Landesinstitut für Volkskunde
  7. Krampusläufe: Michael Greger vom Salzburger Landesinstitut für Volkskunde über die Eventisierung. ORF Salzburg, 5. Dezember 2025
  8. Österreichisches Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes. Österreichische UNESCO-Kommission, abgerufen am 3. Oktober 2026
  9. Füracker: Kirchseeoner Perchten ist bundesweit Immaterielles Kulturerbe, Pressemitteilung vom 15. März 2024. Bayerisches Staatsministerium der Finanzen und für Heimat

Zurück zum Brauch

Termin, Abgrenzung zu den Perchten, die Rechtslage beim Lauf und die Frage, ob man Kinder mitnimmt: Das steht auf der Krampus-Hauptseite. Die Rauhnächte beginnen dort, wo der Advent aufhört.

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