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Weihnachtsbaum & Christbaum Bäume, die jedes Jahr wiederkommen

Drei Irrtümer und ein Loriot-Zitat

Lametta

Es war nicht aus Blei, es ist nicht verboten, und die Jahreszahl, die überall steht, stammt aus einer Satirekolumne. Was wirklich belegt ist.

Die Zahl

98,93 % Kupfer
1,07 % Silber
Analyse von 1879

Lametta war nicht aus Blei

Der häufigste Satz über Lametta lautet, es habe früher aus Blei bestanden und sei deshalb verschwunden. Die Reihenfolge ist falsch, und das lässt sich genau datieren.

1879 trug ein Dr. Skalweit im Ingenieurverein Hannover die Analyse des damals neuen Christbaumschmucks vor. Das Ergebnis, wörtlich überliefert: 98,93 Kupfer und 1,07 Silber. Lametta war also versilbertes Kupfer - feine Drähte, wie sie, so der Bericht, „von den Chinesen schon sehr lange in der Weberei benutzt" wurden. Und: „Bei uns findet die Lametta als Christbaumschmuck immer mehr Verwendung."

Eine Notiz, die im Dezember 1880 reichsweit nachgedruckt wurde, beschreibt die Fäden genauer: durchschnittlich 3 Millimeter breit und 0,007 Millimeter dick, hergestellt aus mit Silber umkleideten Kupferstangen. Und sie datiert den Brauch: „In den beiden letzten Jahren sind diese feinen Fäden vielfach zum Schmuck von Tannenbäumen am Christfest verwendet worden."

Das bleihaltige Stanniol - eine Zinn-Blei-Legierung - kam erst später. In der DDR wurde Aluminiumfolie verwendet, heute ist es überwiegend aluminiumbeschichtete Kunststofffolie. Wer also einen alten Bestand im Keller hat, hat nicht automatisch Blei in der Hand: Das hängt davon ab, aus welchem Jahrzehnt er stammt.

Die häufigste Frage

Verboten ist es nicht

Es gibt in Deutschland kein Verbot von bleihaltigem Lametta. Das Umweltbundesamt rät davon ab und empfiehlt, Restbestände als Sonderabfall zu entsorgen - eine Rechtsvorschrift, die den Verkauf untersagt, gibt es nicht.

Verschwunden ist es trotzdem, und zwar über den Markt. Zwei Daten markieren das Ende der deutschen Produktion:

Ende 2013Eppstein Foils stellt die Fertigung ein
Dezember 2015Riffelmacher & Weinberger in Roth, der letzte deutsche Hersteller, hört auf

Der Grund war schlichte Nachfrage: Von bis zu 50 Tonnen im Jahr war der Absatz auf wenige hundert Kilogramm gefallen. Was heute verkauft wird, ist importierte Kunststofffolie.

Damit ist auch die Frage beantwortet, die viele eigentlich stellen: Lametta ist nicht aus der Mode geflogen, weil es gefährlich war, sondern weil es niemand mehr kaufte. Der Satz, der das Verschwinden begleitet hat, ist von Loriot: „Früher war mehr Lametta."

Woher die falsche Zahl kommt

1610 stammt aus einer Satirekolumne

Wer nach der Erfindung von Lametta sucht, findet meist 1610 in Nürnberg. Die Zahl geht auf den Wikipedia-Artikel „Lametta" zurück, und dort steht, womit sie belegt ist: mit einem Text aus der taz-Rubrik „Die Wahrheit" - das ist die Satirerubrik der Zeitung - und mit einer Content-Farm-Seite, die nur noch im Webarchiv existiert.

Pikanter ist der zweite Teil: Der Wikipedia-Artikel „Christbaumschmuck" nennt 1878. Die beiden Artikel desselben Lexikons widersprechen sich um 268 Jahre, und beide Angaben sind ohne Einzelnachweis.

Die zeitgenössischen Berichte von 1879 und 1880 stützen klar die spätere Größenordnung: Lametta als Christbaumschmuck kam Ende der 1870er Jahre auf. Das Jahr 1610 kann sich allenfalls auf das Metallgespinst-Handwerk beziehen, aus dem Lametta hervorging - die Leonischen Waren, also Gold- und Silbergespinste, Flitter und Lahn, wie sie in Nürnberg, Roth und Allersberg gefertigt wurden. Mit Baumschmuck hat das nichts zu tun.

Dass die Branche stimmt, ist dagegen belegbar: Im Markenregister des Deutschen Reichs findet sich 1899 eine Firma in Roth mit „18 Mustern von Christbaumverzierungen aus Lametta", 1904 ein Betrieb in Sonneberg für „Fabrikation leonischer Artikel und Christbaumschmuck".

Ein Nebenbefund

Lametta verdrängte die Glaskugel, nicht umgekehrt

Heute gilt Lametta als das Alte und die Kugel als das Selbstverständliche. Als Lametta aufkam, war es umgekehrt. 1891 schrieb eine Zeitung trocken: „Lametta ist ein gefährlicher Concurrent für gläsernen Christbaumschmuck."

Das passt zur Chronologie. Gläserne Kugeln waren damals schon Jahrzehnte am Markt, das Silberverspiegeln von innen gab es seit etwa 1870 - und dann kam ein Produkt, das billiger war und mehr glänzte. Mehr dazu steht beim Baumschmuck aus Lauscha.

Praktisch

Wenn noch alter Bestand da ist

Altes Lametta erkennen: Bleihaltiges Stanniol-Lametta ist schwer, hängt gerade herunter und knittert, ohne zurückzufedern. Kunststofffolie ist leicht, kräuselt sich und stellt sich wieder auf. Wer unsicher ist, behandelt den Bestand wie bleihaltig.

Entsorgung: Für bleihaltige Reste empfiehlt das Umweltbundesamt den Sonderabfall, also die Schadstoffsammlung. Nicht in den Restmüll und schon gar nicht in die Altpapier- oder Verpackungstonne.

Mit Tieren im Haushalt wird von Lametta regelmäßig abgeraten, und das hat einen anderen Grund als das Material: Einzelne Fäden werden verschluckt. Bei Katzen ist das der Punkt, an dem die Diskussion um Blei gar keine Rolle mehr spielt. Wer Katzen hat, hängt besser nichts Fadenförmiges an den Baum - das gilt für Kunststofffolie genauso.

Worauf sich das stützt

Quellen und was offen bleibt

Recherchestand: 3. Oktober 2026. Die Angaben zu Material und Zeitraum stammen aus zeitgenössischen Zeitungsberichten von 1879 und 1880, die Produktionsdaten aus der Berichterstattung von 2015, die Entsorgungsempfehlung vom Umweltbundesamt.

Was wir nicht wissen:

  • Wann genau Stanniol das versilberte Kupfer verdrängte. Die einschlägige Literatur war nicht einsehbar.
  • Wer die Jahreszahl 1610 in Umlauf gebracht hat. Belegt ist nur, worauf sich Wikipedia dafür beruft.
  • Ob die Deutung, Lametta solle Eiszapfen darstellen, mehr ist als eine naheliegende Erzählung. Anzeigen von 1897 führen „Glas-Eiszapfen" neben „Lametta-Fäden" - ein Beleg für die Absicht ist das nicht.

Und der übrige Schmuck?

Welches Material zu welchem Haushalt passt, wie viele Kugeln ein Baum braucht und in welcher Reihenfolge alles an den Baum kommt, steht beim Baumschmuck.

Zum Baumschmuck

Zuletzt geprüft am . Verantwortlich: Daniel Weihmann, Impressum.